Testbericht:
Compaq iPAQ 3870

Der Urvater der Pocket PC 2002-PDAs. War Compaq mit der Einführung des ersten iPAQs (3130/3630) im Jahre 2000 noch Vorreiter, so hat sich die Ausstattung mittlerweile zum Standard gemausert: 206MHz StrongARM-Prozessor, reflektives TFT, flashbares ROM (für Updates des Betriebsssystems) finden sich mittlerweile bei allen PDAs mit Pocket PC 2002. Und trotzdem: Compaq hat mit der 38xx-Reihe einen konsequenten Schritt getan, und gerade mit dem iPAQ 3870, der momentan als einziges Gerät auf dem Markt integriertes Bluetooth hat, steht wieder ein Vorzeige-PDA in den Läden.

1.) Display
Ich konnte es kaum glauben, als ich die ersten Testberichte gelesen hatte und die 38xx-Serie noch nicht mit eigenen Augen gesehen hatte. Das schon sehr gute Display des 36xx sollte verbessert worden sein? Klar, der Umstieg von 4096 auf 64K Farben mochte Auswirkungen habe, aber so signifikant? Ich mußte mich eines besseren belehren lassen. Im direkten Vergleich gibt es keinen Zweifel: Das Display der 38xx-Serie ist erneut verbessert worden, und nicht nur die höhere Farbtiefe ist da der Auslöser: Das Display ist auch bei voll eingeschalteter Hintergrundbeleuchtung messerscharf, optimal zu lesen und verfälscht die Farben um keinen Deut. Mit 59 * 77 mm hat der iPAQ das größte Display aller Geräte im Test.
Als einziger Hersteller hat der Compaq iPAQ eine automatische Helligkeitsregulierung, d.h. auf Wunsch werden die verschiedenen Stufen der Helligkeit abhängig von der Umgebungshelligkeit automatisch angepaßt. Dazu dient ein Sensor oben am Gerät. Die Meinungen dazu sind geteilt: Zum einen kommt dies gut an, zumal es auch einen Energispar-Aspekt hat, vielen Usern ist die hohe Abschaltschwelle ein Dorn im Auge (die Hintergrundbeleuchtung wird abgeschaltet, obwohl es subjektiv zu dunkel ist, um das Display ohne sie lesen zu können).


2.) Erweiterbarkeit
Nachdem die iPAQs der ersten Serien gar keinen Erweiterungssteckplatz hatten, hat man jetzt zumindest einen SD-Card/MMC-Card Steckplatz serienmäßig hinzugefügt. Auf der einen Seite eine richtige Entscheidung, denn auch Compact Flash wird den Markt langsam verlassen, und die Norm der näherer Zukunft ist SD/MMC. Nichts desto Trotz läßt sich ein Gerät über einen Compact Flash-Slot beliebig erweitern (Modem, LAN, WLAN, GPS, Video, etc.), und entsprechende Karten für den SD-Slot fehlen (bis auf die Toshiba-Bluetooth-Karte). Und Geräte wie der
Toshiba e570 zeigen, daß die Unterbringung beider Slots in einem noch kleineren Gerät durchaus möglich ist.
Historisch gewachsen sicherlich, denn Compaq ist der einzige Hersteller, der durch das Jacket-Verfahren eine beliebige Erweiterung seines PDAs vornehmen läßt. Sei es ein GPS-JAcket, CF- oder PC-Cards, Video in/Out, etc., nichts ist unmöglich. Dieses Verfahren wird gerade von Casio teilweise adaptiert, für den E-200G gibt es eine PCMCIA-Erweiterung.
Was Compaq im Schritt von der 36xx-Serie zur 38xx-Serie gemacht hat, ist allerdings bedenklich und ärgerlich: Ein Großteil des verfügbaren Zubehörs wird durch den seriellen Stecker unten am Gerät angeschlossen. Und genau dieser wurde zwischen den Serien geändert... Offiziell begründet dadurch, daß der Port vollständig RS232-kompatibel werden sollte und deshalb erweitert werden mußte, und dies hat sicherlich auch seine Berechtigung. Was allerdungs hochgradig ärgerlich ist: Das ganze alte Zubehör, sei es Navigationssysteme wie Destinator oder P1, Tastaturen, Sync-Kabel, etc. sind nicht mehr zu verwenden. Verschiedene Anbieter versuchen sich momentan an Adaptern, aber auf Grund der Nichtverfügbarkeit von 38xx-Steckern und 36xx-Buchsen sind Lösungen erst für Mitte 2002 angekündigt. Für viele User der 38xx ist dies hochgradig ärgerlich, denn viele von ihnen sind Zweittäter, die von einem 36xx umgestiegen sind.


3.) PC Connectivity und Stromversorgung
Innovativ! Compaq ist der einzige Anbieter, der momentan eine Dual-Dockingstation anbietet, die sowohl einen seriellen als auch einen USB-Anschluß hat. Somit kann an verschiedenen Systemen gearbeitet werden, und einiges an Zubehör, was seriell angeschlossen wird (so z.B. einige Tastaturen, Modems, etc.) kann ohne Zusatzinvestition verwendet werden.
Bei der Stromversorgung hat Compaq ebenfalls eine Modifikation vorgenommen und den Anschluß für das Netzteil, der bei der 36xx-Serie noch separat war, in den seriellen Anschluß integriert. Hierfür gibt es bei den neuen Serien im Lieferumfang allerdings ein Adapter des alten Netzteils (was auch das neue ist) auf den seriellen Stecker, und damit können alle für den 36xx verfügbaren Ladekabel, AkkuPacks, etc. weiterverwendet werden.

4.) Connectivity nach außen
Wie mittlerweile jeder PDA hat auch der Compaq iPAQ eine Infrarotschnittstelle, die nach oben weist. Die Konfiguration ist simpel, der Verbindungsaufbau stabil.
Was so richtig Spaß macht, ist der Betrieb des 3870: Der erste und momentan einzige PDA, der Bluetooth integriert hat. einrichten, koppeln, lossurfen, so einfach ist der Betrieb. Keine separate Bluetooth-Karte, die einen Steckplatz blockiert, keine Zusatzinvestition, etc. Und ich kann meine Meinung immer wieder nur wiederholen: Wer auf dem Standpunkt steht, per Infrarot ginge es doch auch, dem empfehle ich einfach nur mal einen Tag mit einem Bluetooth-Gerät. Die Freiheit, sich um das Handy überhaupt nicht kümmern zu müssen, und einfach nur am PDA zu machen, was nötig ist. Für mich stellt sich immer wieder die Frage, wofür ich ein Smartphone oder GPRS-Jacket brauche... Unverständlicherweise hat Compaq übrigens keinerlei Tools zur Verfügung gestellt, die ein Wählen eines Kontakts aus Outlook per Bluetooth erledigen...

5.) Multimedia
Wie seine Vorgänger kann der iPAQ 38xx als mobiler MP3-Player verwendet werden, leider ist eine optionale Erweiterung durch einen Stereokopfhörer mit Fernbedienung nicht möglich. Im Vergleich zur Konkurrenz ist der Lautsprecher extrem leistungsfähig, durch die von Compaq implementiert Bass- und Höhen-Anhebung ist der Klang gigantisch.
Für den Spieler gibt es mittlerweile massig Auswahl an Beschäftigung, und vom Display her kann jeder iPAQ in diesem Bereich ohne Probleme bestehen... allerdings ereilt den 3850 das selbe Problem wie den
Casio E-200G: Der Grafikzugriff ist langsam (durch den neuen Zugriff auf den Framebuffer). Als Testsoftware dient wieder Rocket Elite, was schon bei den ersten Threads über die Grafik-Performance der neuen iPAQs verwendet wurde. Dort kann man sich die Frames per Second (Bilder/Sekunde) anzeigen lassen. E-200G und iPAQ 3850 bringen es dort auf einen Range von 30-40 Frames, während iPAQ 36xx und Toshiba e570 im Bereich von 70-80 Frames laufen. Dies ist bei schnellen Spielen ein signifikanter Nachteil. Aber auch hier ist der Adressat der Kritik nicht der Hersteller, sondern Microsoft, die mit einem der nächsten Pocket PC 2002-Updates eine neue DLL zur Problemlösung herausbringen wollen. Gottseidank ist (zumindest bei meinem Testgerät) der 3870 besser dran: Mit 50-60 Frames liegt er zwar im Mittelfeld, ist von der Flüssigkeit der Darstellung aber in Ordnung.



6.) Lieferumfang und Ausstattung
Vorbildlich. Compaq liefert neben dem PDA, der kombinierten seriell/USB-Dockingstation, dem Netzteil und der ActiveSync/Outlook 2002-CD einiges mehr mit. Einen Ersatzstift, wobei gerade bei Compaq auf Grund der Stabilität des Stifts die Angst nach Abbrechen des Stifts am geringsten ist. Eine sinnvolle "Tasche": Während die meisten anderen Hersteller nur einen mehr oder minder einfachen Schuber mitliefern, aus dem der PDA bei Verwendung herausgerogen werden muß. Compaq hat beim 38xx eine Plastikkonstruktion beigelegt, die durch eine Klappe das Display schützt und somit den iPAQ auch schnell verwendbar hält. Ebenfalls beiliegend: Das Adapter des Netzteils auf den seriellen Stecker bei den neuen Serien.
Ebenfalls top: Die Softwareausstattung. Neben den MS-Tools finden sich Spiele, Produktivitätstools, etc. meist in Vollversionen auf der Zusatz-CD, der Benutzer wird also erstmal in den meisten Anwendungen mit dem Lieferumfang vollkommen zufrieden sein.

7.) Unterschied zum iPAQ 3850
Neben der oben schon erwähnten integrierten Bluetooth-Funktionalität hat der iPAQ 3870 eine etwas neuere Software-Version:

3850: ROM 1.14.06 GER vom 28.09.2001
3870: ROM 2.15.13 GER com 01.11.2001

Offensichtlich behoben: Die "Hänger" des 3850 beim synchronisieren via USB, die Grafikperformance ist auch besser (s.o.), die Knackser im Lautsprecher aber sind immer noch da.


Fazit:
Bin ich vorbelastet? Sicherlich. Bin ich objektiv? Ich denke schon. Im Vergleich von Casio, Toshiba und Compaq nimmt der iPAQ für mich immer noch den Spitzenplatz ein. Allerdings ist die Luft sehr dünn geworden, auch die Konkurrenz hat mittlerweile Produkte auf dem Markt, die dem iPAQ das Wasser reichen können. Von Anwendung zu Anwendung muß entschieden werden, welche PDA der jeweils geeignetste ist, und die Entscheidung wird bei weitem nicht immer Compaq heißen. Wer sich allerdings für den iPAQ entscheidet, der bekommt ein ausgereiftes Gerät. Die häufig monierten Compaq-Probleme wie Hotline-Support und Service werden sich deshalb nicht ändern, und es bleibt abzuwarten, wie die anderen Hersteller sich in dieser Hinsicht positionieren. Fest steht für mich eins: Vom Display und von der Erweiterbarkeit gibt es keinen besseren PDA.

PREIS: EUR 792,- bei Fawis, EUR 818,- bei handit

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